So tun, als hätte noch alles zu.

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Wir haben während unseres (C)lockdowns light sehr vieles vermisst. Nicht gefehlt haben mir jedoch die ermüdenden Terminjonglier-Nummern, die Luc und ich fast täglich auf der Bühne des Familienalltags darbieten, sowohl in der Planung, als auch in der Umsetzung. Und jetzt laufen nicht nur gewohnte Dinge wie Schule, Kindergarten, Hausaufgaben, Zahnarzt, Augenarzt, Schuhkauf und Ähnliches wieder an, es gibt zusätzlich auch ganz viel nachzuholen: Die gemietete Skiausrüstung zurückbringen, zum Beispiel. Oder die Biblio- und Ludothek-Sachen aus den Tiefen der Kinderzimmer der Villa Hebdifescht zurück ans Tageslicht befördern und zurückgeben. Und alle Events, die abgesagt oder verschoben werden mussten: Da gibt’s jetzt Nachholbedarf. Einiges kann zwar noch nicht stattfinden, doch in den nächsten Monaten wird nachgeholt, was nachgeholt werden kann. Und mir geht es da so: Wenn nichts läuft, kann ich in aller Ruhe zuhause bleiben, da verpass ich ja nichts. Wenn aber irgendwo was los ist, dann möchte ich dabei sein. Jetzt müssen wir uns wieder viel bewusster abgrenzen. Nicht gerade unsere Stärke. So schön es auch ist, wenn wieder was läuft – das bewusste Selektieren und Entscheiden, woran man teilnimmt, braucht viel Energie. Können wir nicht hin und wieder ein, zwei Wochen lang so tun, als hätte noch alles zu?

Die Schule hier im Ort macht übrigens etwas Tolles: Im aktuellen Notstundenplan werden nicht nur Mathematik und Sprache unterrichtet, es finden auch Fächer wie Handarbeit darin Platz. Und in aller Konsequenz musste Lorenzo auch bereits Handarbeitshausaufgaben machen. Das war vielleicht lustig! Die beiden Erziehungsberechtigten, die Lorenzo heute abwechslungsweise beim Rückstich-Üben unterstützt haben, waren in unterschiedlichem Ausmass gefordert. Dazu werde ich mich jetzt nicht weiter äussern. Nur soviel: Es haben fast alle Beteiligten viel gelernt.

Wenn wir nicht gerade nähen, freuen wir uns darüber, dass es nicht mehr regnet. Erhöhter Spiegel aller möglichen Glückshormone dank Sonnenlicht, hier hier, dringend gebraucht, merci bien. Auch das saisonale sechste Familienmitglied, Kasimir II., ist wieder aus seiner Eisheiligen-Zwischenstarre erwacht. Naturgemäss ist das Rennen auf die Walderdbeeren im Garten nun offiziell lanciert. Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Bilanz, hin und wieder erwische ich eines der süssen Früchtchen. Wie allerdings die Ernteaufteilung zwischen Kasimir II. und Sofia funktioniert, hat sich mir noch nicht so ganz erschlossen. Wir haben uns bereits am Tag 36 dieses Familientagebuches eingehend mit dieser brisanten Fragestellung beschäftigt. Heute versuchte ich, der beiden Abkommen mithilfe von teilnehmender Beobachtung auf den Grund zu gehen. Abgesehen von Bildmaterial kam dabei leider überhaupt nichts heraus.

Kasimir II., der böse Blick, die Sonne und die Erdbeeren
Undurchschaubares, geheimes Abkommen: Mädchen schnappt der Schildkröte die Beute vor der Nase weg. Die Lage bleibt entspannt.

Es wurde auch beobachtet, dass Sofia ihren Hunger nach Erdbeeren manchmal sogar mit zweierlei Erdbeersorten stillt: Walderdbeeren zur Vorspeise, die grösseren als Hauptgang.

Mit all den Erdbeeren und Versuchen in Sachen Feldforschung geht uns die Beschäftigung rund ums Haus bis jetzt noch nicht aus – solange es nicht regnet. Allerdings liebäugeln wir damit, in nächster Zeit nach so langer Zeit mal wieder die Kulisse zu wechseln. Für ein paar Tage wenigstens. Doch so richtig entschlossen sind wir nicht. Dürfen wir uns das sicherheitstechnisch erlauben? Wie sollen wir reisen? Dürfen wir den Zug nehmen? Was machen wohl unsere Uhren, während wir weg sind? Und sind nach unserer Rückkehr noch Erdbeeren da oder hat sie Kasimir II. bis dann alle abgeerntet? Fragen über Fragen. Wir gehen dann mal Antworten suchen.

Wir lesen uns.

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